In welcher Erzählperspektive soll ich schreiben?

Für welche Erzählperspektive soll ich mich entscheiden? Vor dieser Frage steht man oft am Anfang einer neuen Geschichte. Ich selbst habe meine Erzählperspektive beim zweiten Manuskript geändert. Aber wenn man das Buch nicht von Grund auf neu schreibt, ist solch eine Veränderung im Nachhinein fast unmöglich. Deswegen sollte man schon zu Beginn die richtige Wahl treffen. 

Es gibt bei allen Erzählperspektiven Vor- und Nachteile, Möglichkeiten und Einschränkungen. Letztendlich kommt es darauf an, was zu der einzelnen Geschichte passt und womit sich ein Autor wohlfühlt. 

Vielleicht fragst du dich, muss ich mich überhaupt entscheiden? Ja, wenn du nicht willst, dass die Leser das Gefühl haben zwischen Perspektiven wahllos hin und her gerissen werden. Eine durchgängige Perspektive gibt der Geschichte Form und einen eigenen Klang, in den man mit der Zeit eintaucht. 

Die Ich Perspektive:
In der Ich Perspektive hat man als Einschränkung, nur die Sicht der Hauptperson. Diese ist nicht neutral und gefärbt von den Wahrnehmungen, Ideologien und Empfindungen dieser Person. Dinge die in Abwesenheit des Charakters geschehen sind schwer zu erzählen. Ein Vorteil: Es ist als Autor oft einfacher, in den Kopf des Erzählers einzutauchen und sich bewusst zu sein, dass es die Perspektive dieser Person und nicht die eigene ist.

Aber eine große Schwierigkeit besteht darin, keine häufigen Wortwiederholungen zu schreiben. Worte wie mein, meine usw. kommen auf Deutsch in der Ich-Perspektive automatisch häufig vor. Sie sind schnell in jedem zweiten Satz vorhanden und lassen den Text amateurhaft wirken. 
Ausserdem wird es bei mehr als zwei Charakterperspektiven schwierig für den Leser den Überblick zu behalten, in wessen Kopf man gerade steckt, weil der Name des Charakters nicht oft erwähnt wird.

Ganz hervorragend eignet sich die Ich Perspektive, wenn man einen unzuverlässigen Erzähler haben möchte. Ein sehr faszinierendes Buch, welches ihr als Beispiel lesen könnt, ist Lolita. 

Was ich auch mag, ist wenn die ältere Ich Person in Vergangenheit über ihr früheres Ich erzählt. Das ist auch bei Lolita so, aber ein anderes Beispiel, ist: To kill a Mockingbird. 
Hier geht es um die Erlebnisse eines kleinen Mädchens, das beginnt die Welt zu verstehen, wobei Rassismus eine große Rolle spielt. Wäre es aus dem Ich im Präsens, wäre man sehr eingeschränkt, da ein Kind keinen großen Wortschatz hat und vieles nicht versteht. Im Buch ist diese kindliche Sicht trotzdem gut dargestellt, aber die ältere Ich Erzählerin kann den Leser mehr zu verstehen geben, als sie selbst damals als kleines Kind verstand.

Ich Erzähler im Präsens:
Dann gibt es noch den Ich-Erzähler im Präsens. Persönlich mag ich das meistens nicht. In Wattpadgeschichten ist mir oft aufgefallen, dass ich über Texte in der Ich Perspektive im Präsens stolpere und beim Lesen stocke. Ich empfinde den Schreibstil oft als schlechter, als wenn es im gewohnten Präteritum geschrieben wurde. Ich habe das auch schon von anderen Leuten gehört. Warum das so ist, weiß ich nicht genau. Diese Kombination Ich und Präsens wird überproportional häufig von Anfängern gewählt. Sobald ein Text nicht hervorragend geschrieben ist, gibt diese Erzählvariante einen amateurhaften Beigeschmack, weil man es damit verbindet. Für Anfänger würde ich diese Kombination nicht empfehlen. Natürlich gibt es Ausnahmen und Bücher im Präsens und der Ich Perspektive, die ich sehr mochte. Z.B. Tribute von Panem. 

Präsens generell:
Der Vorteil des Präsens ist, das man womöglich stärker in das Geschehen gezogen wird und einfacher über Vergangenes schreiben kann, ohne das Pluquamperfekt mit den immer gleichen Hilfsverben benutzen zu müssen. 
Einschränkungen sind, dass Hinweise auf spätere Ereignisse im Vorshadowing nicht möglich sind. 

Es ist schwieriger, diese Zeit stilistisch gut zu meistern. Leser sind an das Präteritum gewohnt und deshalb wirkt es erst ein Mal ungewohnt. Damit der Text trotzdem einen positiven Eindruck hinterlässt, muss er besser geschrieben sein, als die gleiche Geschichte in der Vergangenheitsform. 

Persönliche 3. Person:
Die häufigste Erzählperspektive ist heutzutage die persönliche 3. Person im Präteritum. Hier wird wie bei der Ich Perspektive aus der Sicht einer Person erzählt. Der Unterschied zur Ich Perspektive ist, dass man ein wenig distanzierter vom Erzähler ist und die Geschichte neutraler erzählt werden kann. Es ist schwerer, in den erzählenden Charakter einzutauchen und sich bewusst zu sein, dass man aus seiner Sicht schreibt. 

Schreibt man Kapitelweise aus der Sicht von mehr als zwei unterschiedlichen Charakteren, sollte man die persönliche 3. Person und nicht den Ich Erzähler nehmen. Durch die häufige Erwähnung der Nahmen in der 3. Person, ist es einfacher für die Leser den Überblick zu behalten und zu wissen, in welcher Perspektive man gerade steckt.

Vogelperspektive:
Als letztes gibt es die unpersönliche 3. Person oder auch die Vogelperspektive. Sie ist nicht mehr so häufig, kommt aber in älteren Büchern öfter vor. Hier ist es schwerer, den Leser mit den Charakteren mitfühlen zu lassen. Man ist automatisch distanzierter. 
Dafür kann man Geschehnisse erzählen, die passieren, auch wenn die Hauptperson nicht hinsieht oder nicht anwesend ist. Man kann Gedanken verschiedener Charaktere zeigen. 
Aber was man nicht vergessen sollte, ist, dass der Erzähler ein eigener Charakter ist und nicht der Autor. Selbst wenn der Erzähler nicht im Buch als Charakter vorkommt, überlege dir, wer er ist. Was sind seine Einstellungen, warum erzählt gerade er die Geschichte und nicht ein anderer? 
Du kannst den Erzähler auch im Buch vorkommen lassen, ob als unwichtiger Nebencharakter oder neuer Hauptcharakter der plötzlich gegen Ende erscheint, ist deiner Kreativität überlassen. 
Ein wunderbares Beispiel und zugleich mein Lieblingsbuch ist die Bücherdiebin oder the book thief. Der Erzähler ist der Tod, der das Tagebuch der Hauptperson findet. Er taucht am Anfang als Person und noch später ein zwei Mal in der Geschichte auf. Meistens ist er jedoch nur ein stiller Erzähler. 

Aber Achtung: Auch diese Perspektive wird viel häufiger von Anfängern gewählt. Ich hatte sie ebenfalls in der ersten Version meiner Geschichte. Die Leser fühlten sich wahllos zwischen den Gedanken der Charaktere hin und hergeworfen. Außerdem konnte man sich nicht gut in die Hauptperson hineinversetzen. Deswegen bin ich zum persönlichen Erzähler in der 3. Person gewechselt. Ich würde es euch nicht empfehlen, die Vogelperspektive für euren ersten Roman zu wählen, da es schwer ist, diese Perspektive gut umzusetzen. Wenn ihr es doch macht, lest vorher einige Bücher in dieser Form. Ihr werdet merken, dass es gar nicht einfach ist Beispiele zum Lesen zu finden. 

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