Wie schreibt man bessere Charaktere?
Warum sind Charaktere wichtig?
Nachvollziehbare Charaktere sind für ein spannendes Buch unverzichtbar. Ein Leser wird mitgerissen, weil die Handlung einen Einfluss auf die Charaktere hat und vor allem, weil die Hauptpersonen den Verlauf der Geschichte beeinflussen.
Charaktere müssen selbst Entscheidungen treffen, diese müssen nachvollziehbar und begründet sein. Eine Hauptperson kann z.B. aufgrund eines persönlichen Wunsches oder moralischen Wertevorstellungen in einer gewissen Weise handeln.
Wenn die Hauptpersonen nur von der Handlung mitgerissen werden, nie selbst entscheiden oder ihre Entscheidungen nicht begründet und nachvollziehbar sind, dann ist auch der spannendste Plot langweilig. Spannung entsteht durch das Ziel eines Charakters, welchem jedoch Hindernisse im Weg stehen. Das nennt man einen Konflikt.
Manchmal sind Charaktere zwar realistisch, aber so nervig, dass man nicht weiterliest, obwohl die Handlung vielversprechend klingt.
Wie schreibt man nun spannende Charaktere? Was macht sie faszinierend und einzigartig?
Ich habe mich viel damit beschäftigt, bevor ich mit dem zweiten Manuskript gestartet habe, weil man in der ersten Version der Geschichte nicht mit der Hauptperson mitgefühlt hat.
Die erste Änderung die ich gemacht habe, war der Wechsel von einer Erzählung aus der Vogelperspektive zu einem persönlichen Erzähler aus der Sicht der Hauptperson. (Mehr dazu im Post zu Perspektiven)
Brandon Sanderson hat auf YouTube eine ganze Vorlesungsreihe zum kreativen Schreiben von Fantasy und Science Fiction kostenlos veröffentlicht. Diese sind generell sehr zu empfehlen, auch zur Charakterentwicklung habe ich mir ein paar Dinge abgeschaut. Noch mehr haben mir aber die Videos eines Youtubers und Screenwriters zu den Enneagramm Typen 1-9 geholfen.
Brandon Sanderson unterteilt folgende Eigenschaften von Charakteren:
Aktivität: Wie aktiv ist der Charakter in der Handlung, entscheidet er viel selbst?
Liebenswürdigkeit: Wie sympathisch ist er? Bsp. rettet er eine Katze oder fährt er an einem verletzten Tier vorbei ohne an zu halten?
Fähigkeiten: Wie gut kann er etwas? Ist er z.B. ein aussergewöhnlich guter Schwertkämpfer?
Im Verlauf der Geschichte sollte sich mindestens einer der Parameter verändern. Entweder der Charakter erlernt eine Fähigkeit und wird dadurch oft auch aktiver oder er wird z.B. weniger Sympathisch (Entwicklung zum Bösewichts z.B. die Geschichte von Coriolanus Snow "Ballad of Songbirds and Snakes").
Wenn alle drei Parameter am Anfang auf null sind, wird der Charakter kaum Interesse wecken. Wer liesst gerne über eine unsympathische, tatenlose und unfähige Hauptperson? Sie muss schon entweder mit einer Fähigkeit beeindrucken, interessante Entscheidungen treffen oder zum mindestens Sympathisch sein.
Ausserdem unterteilt Brandon Sanderson noch in Behinderung, Fehler und Einschränkungen (handycap, flaws, limitations).
Eine Behinderung ist eine permanente Einschränkung deren Ziel es nicht ist, sie zu überwinden. Bsp ein fehlender Arm oder fehlendes Wissen über die Welt etc.
Ein Fehler ist eine Eigenschaft des Charakters, die er Überwinden muss und sich dadurch entwickelt. Bsp. aus meiner Geschichte die Unfähigkeit anderen zu Vertrauen
Einschränkungen sind in der Welt von aussen gegeben. Bsp. Einschränkungen der Fähigkeiten aufgrund eines definierten Magiesystems.
Want: Ausserdem braucht der Charakter ein Ziel oder etwas das er will, weil er ein oft unbewusstes Bedürfnis hat und dieses zu stillen versucht. Auf dem Weg das zu erreichen stehen ihm innere (Fehler, Flaws) und äussere Barrieren im Weg, die er überwinden muss.
Need: Manchmal kann er auch ein Ziel haben, dass er erreichen will, wobei er in Wirklichkeit etwas anderes erreichen muss, das nennt man need.
Zum Beispiel strebt eine Hauptperson nach Geld, Ruhm und Anerkennung. Das ist ihr Ziel. Währenddessen verliert sie aber ihre Authentizität und merkt, dass Geld nicht glücklich macht. Sie muss in Wirklichkeit lernen zufrieden zu sein, sich selbst treu zu bleiben und Liebe zulassen. Das würde nun dem Typ 3 des Enneagramms entsprechen.
Das Enneagramm als Schreibwerkzeug: Was ist das Enneagramm?
Das Enneagramm ist ein Modell und beschreibt 9 Charakterarten oder eher Problemarten in Menschen. Es geht nicht um oberflächliche Eigenschaften, wie Perfektionismus und Ehrlichkeit, so wie es oft viel zu vereinfacht dargestellt wird. Sondern es geht um das Warum: Warum strebt ein Charakter nach Macht? Oder warum lügt er niemals? Was für andere Eigenschaften resultieren aus diesem einen warum?
Das Enneagramm gibt uns ein Problem eines Charakters, woraus einige seiner Eigenschaften resultieren. Ausserdem haben wir direkt einen Weg, wie sich der Charakter im Buch entwickelt und über sich hinauswachsen kann oder eben auch nicht. Teilweise haben wir auch eine Idee für eine Backstory.
Ein Typ 3 Charakter würde scheitern, wenn er auf dem Weg nach Anerkennung sich selbst verliert und sich selbst und vielleicht auch die Welt um sich zugrunde richtet, weil alles was zählt Macht und Geld ist.
Aber Achtung: nicht alle Typ 3 wollen reich werden, je nach Person und Kultur bedeutet Erfolg etwas anderes. Je nach Geschlecht und Herkunft bekommt man für andere Eigenschaften Komplimente und Anerkennung. Unterschiedliche Typ 3 Charakter können sich also auch stark unterscheiden.
Gewisse Eigenschaften wie Loyalität werden oft einem Typ zugeschrieben, aber es geht darum, warum eine Person so ist. Ein Typ 6 ist loyal, weil er Angst hat vor der Welt und sich in einer Gruppe sicher fühlt. Ein Typ 2 kann ebenfalls loyal sein, jedoch aus einem anderen Grund, weil er um jeden Preis Liebe und Zuneigung will, egal ob die anderen gut mit dem Charakter umgehen.
Ein echter Mensch hat von allen Typen etwas in sich und kann daran arbeiten, um die ungesunde Verhaltensweise los zu werden. Das Enneagramm beschreibt nicht den ganzen Menschen. Es ist immer noch ein Modell. Ein Modell ist immer vereinfacht und in Teilen falsch, aber das ist nicht der Sinn eines Modells. Ein Modell soll vor allem nützlich sein. Das Enneagramm war für mich das hilfreichste Werkzeug um Charaktere zu schreiben.
Das Enneagramm erfordert mehr Umfang, um detailliert darauf einzugehen. Deshalb werde ich in weiteren Posts die einzelnen Typen besprechen und anhand von Charakteren aus bekannten Filmen und Büchern veranschaulichen. Auch das hier erwähnte Beispiel vom Typ 3 ist eine grobe Skizze und nicht vollständig.
Kommentare
Kommentar veröffentlichen